Wandlungsphasen

Da die Wandlungsphasen für meine kompositorische Tätigkeit sehr wichtig sind, habe ich mich 2008 entschlossen, einen einführenden Essay dazu zu veröffentlichen. Dieser ist noch immer nicht wirklich fertig und kann daher jederzeit von mir überarbeitet werden.

 

Die fünf Wandlungsphasen

Nils Günther, 2008

(Zur korrekten Darstellung der chinesischen Schriftzeichen wird eine entsprechende Schriftart benötigt, wie sie etwa im chinesischen Sprachpaket des Internet Explorers enthalten ist)

Die fünf Wandlungsphasen erscheinen in der Literatur auch unter dem Namen „Fünf Elemente“ oder chinesisch wŭxíng. Wŭxíng ist wie so vieles in der chinesischen Sprache auf Grund der Vieldeutigkeit mancher Wörter nicht so einfach zu übersetzen: wŭ bedeutet fünf, xíng hingegen setzt sich als Schriftzeichen aus den Elementen „Schritt“ und „anhalten, stoppen“ zusammen oder nach anderen Quellen aus dem „rechten und linken Schritt“. Somit bedeutet dieses Schriftzeichen „gehen“, „tun“ oder auch „Agens“, also „verursachende Kraft“.

Die fünf Wandlungsphasen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser (mù, huŏ, tŭ, jīn, shuĭ) beschreiben dynamische Prozesse des Lebens und sind somit als eine weitere Differenzierung des Yīn-Yáng-Prinzips. Oft genug wurde dieses Prinzip als starrer Dualismus missverstanden: Yīn und Yáng sind aber nur die Namen von Polaritäten eines sich in Bewegung und Verwandlung befindlichen Systems. Die Vorstellung von Yīn und Yáng als der dunklen (yīn) und hellen (yáng) Seite eines Hügels verdeutlichen, dass beide ineinander übergehen und zum selben Hügel gehören. Yīn als Polarität steht für das Weibliche, Dunkle, Weiche, Yáng als Polarität steht für das Männliche, Helle, Harte etc.

Die fünf Wandlungsphasen versuchen nun, den Prozess der zyklischen Wandlung von Yīn zu Yáng differenzierter darzustellen: Holz (mù) steht für das Beginnende, den Keim, die elastische Kraft des Entstehenden Yáng aus dem Yīn, es ist das kleine Yáng. Dieses wächst an zum großen Yáng, dem Feuer (huŏ), der großen, hellen Kraft, die auch mit der Sexualität, dem Herzen etc. verbunden ist. Am Gipfelpunkt, wo dieses starke Yáng wieder ins Yīn übergehen wird, steht die Wandlungsphase Erde (tŭ), als Ruhepunkt, Moment der perfekten Balance, die hin führt zum kleinen Yīn, dem Metall (jīn), der herbstlichen, sterbenden Phase, die mündet in Wasser (shuĭ), das große Yīn, den Zustand des Konservierens und scheinbaren Stillstandes, aus dem dann Holz wieder geboren wird und der Zyklus sich erneut abspielt.

Hierzu zwei Zitate aus der Naturphilosophie des Tshuhi:

„Das ruhende und das bewegende Princip sind vereinigt mit den fünf Elementen; die fünf Elemente sind das Gehäuse, wovon (In und Yâng) sich nicht trennen können. In und Yâng ist wie Eins und Zwei, so im (Element) Holz Eins Yâng und Zwei In, so im (Element) Feuer Eins Yâng und Zwei In. Das so Beschaffene (die Elemente) kann aber nicht mehr bloss In und Yâng genannt werden; wohl aber sind beide Principe, das ruhende und das bewegende, in ihm. Wenn mich Jemand fragt, ob hier wohl dasselbe eintrete, wie bei den vier Jahreszeiten, die man nicht Kälte und Hitze, sondern Jahreszeiten nenne, so antworte ich: So ist’s.“
[Chinesische Philosophie: Die Natur- und Religionsphilosophie der Chinesen, S. 127. Digitale Bibliothek Band 94: Asiatische Philosophie, S. 27057 (vgl. Ztschr. f. hist. Theol. N.F. 1,1, S. 69), Naturphilosophie des Tschuhi]

„Der Himmel ist das Eins, und hieraus ward das Wasser; die Erde ist das Zwei, und hieraus ward das Feuer. War einmal das Wasser und vereint nach Unten, so war, wie man sich denken kann, das Wasserelement vorhanden; war das Holz, so ward der weiche Grund; das Metall, so konnte der feste Grund hervorgehen.“
[Chinesische Philosophie: Die Natur- und Religionsphilosophie der Chinesen, S. 150. Digitale Bibliothek Band 94: Asiatische Philosophie, S. 27080 (vgl. Ztschr. f. hist. Theol. N.F. 1,1, S. 83, Naturphilosophie des Tschuhi]

 

Der beschriebene Zyklus selbst zeigt sich im Menschenleben (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, Alter, Tod) genau so wie in den Jahreszeiten (Hier werden oft fünf unterschieden: Frühling, Sommer, Spätsommer, Herbst, Winter). Dieser Zyklus lässt sich so darstellen:

Diesem Zyklus des Erzeugens oder Nährens (der auch oft mit Mutter-Kind-Beziehungen beschrieben wird) steht primär ein Zyklus des Kontrollierens gegenüber, der sich so darstellen lässt:

Dies sind zwei Zyklen, die etwa in der traditionellen chinesischen Medizin von großer Wichtigkeit sind (es existieren aber weitere Beziehungsmodelle, die hier der Einfachheit halber nicht besprochen werden).

Einige Zuordnungen, Analogien der Wandlungsphasen wurden bereits genannt, doch lassen sich diese praktisch unbegrenzt ausweiten. Bereits im Huángdì Nèijīng, dem Buch des Gelben Kaisers zur inneren Medizin (ca. 400 v. Chr.) findet sich folgende Übersicht:

五行 FIVE ELEMENTS 木 WOOD 火 FIRE 土 EARTH 金 METAL 水 WATER
天 Heaven 方位 direction 東 east 南 south 中 center 西 west 北 north
季節 season 春 spring 夏 summer 長夏 late summer 秋 autumn 冬 winter
氣候 weather 風 wind 熱 heat 濕 damp 燥 dry 寒 cold
星宿 planet 歲星 jupiter 熒惑星 mars 鎮星 saturn 太白星 venus 辰星 mercury
生成數 numerology 3+5=8 2+5=7 5 4+5=9 1+5=6
地 Earth 品類 element 草木 plants 火 fire 土 soil 金 metal 水 water
五畜 animal 雞 chicken 羊 goat 牛 cow 馬 horse 彘 pig
五穀 cereal 麥 wheat 黍 shu-millet 稷 ji-millet 穀 rice 豆 bean
五音 music 角 jiao (lute) 徵 zheng (pipe) 宮 gong (drum) 商 shang (resonant) 羽 yu (string)
五色 color 青 green 赤 red 黃 yellow 白 white 黑 black
五味 flavor 酸 sour 苦 bitter 甘 sweet 辛 pungent 鹹 salty
五臭 smell 臊 urine 焦 scorched 香 fragrant 腥 fishy 腐 rotten
人 Man 五臟 zang organ 肝 liver 心 heart 脾 spleen 肺 lung 腎 kidney
九竅 orifice 目 eyes 耳 ears 口 mouth 鼻 nose 二陰 anus and urether
五體 body 筋 tendon 脈 vessels 肉 muscles 皮毛 skin 骨 bones
五聲 sound 呼 shout 笑 laughter 歌 singing 哭 weeping 呻 moaning
五志 emotion 怒 anger 喜 joy 思 worry 憂 sadness 恐 fear
病變 pathology 握 spasm 憂 anxious look 吐 spitting 咳 cough 栗 shivering
病位 location 頸項 head 胸脅 chest 脊 midback 肩背 shoulder 腰股 hips
神 spirit 魂 soul 神 spirit 億 logic 魄 courage 志 will

 (Huangdi neijing 黃帝內經 „The Inner Classic of the Yellow Emperor“, 4. 金匱真言論 The truth from the golden chamber, Übers. Maoshing Ni )

Ein weiterer Klassiker, Lüshi chūnqiū(Frühling und Herbst des Lü Buwei), beginnt jedes Kapitel mit einer Monatsbeschreibung, die uns die Entsprechungen der Wandlungsphasen verdeutlicht. Hier, im ersten Frühlingsmonat, dreht sich alles um die Phase Holz:

„Im ersten Frühlingsmonat steht die Sonne im Zeichen Ying Schï. … Seine Tiere sind die Schuppentiere. Seine Note ist Güo. Seine Tonart ist Tai Tsu. Seine Zahl ist acht. Sein Geschmack ist sauer. Sein Geruch ist muffig. … Unter den Opfergaben steht die Milz voran.
Der Ostwind löst das Eis. … Der Himmelssohn weilt in der Tsing Yang Halle im linken Raum (Wilhelm: Die Lichthalle, Ming Tang, hatte an ihren verschiedenen Seiten verschiedene Namen. Die Ostseite heißt Tsing Yang (die grüne Yangkraft).
Es werden grüne Flaggen aufgesteckt. Man kleidet sich in grüne Kleider und trägt grünen Nephrit. Die Opfergefäße sind durchbrochen, um die Luft durchziehen zu lassen (Wilhelm: Die Form der Opfergefäße bezieht sich auf den Frühling und das Aufsteigen der Luft).“
[Chinesische Philosophie: Chunqiu – Frühling und Herbst des Lü Bu We, 1. Kapitel, Übersetzt von Richard Wilhelm]

Vergleicht man mit obiger Tabelle, kann man leicht erkennen, dass hier die selben Analogien genannt werden.

Als universelle Wirkkräfte finden sich die Wandlungsphasen in so unterschiedlichen Bereichen wie Medizin, Astrologie, Fēng Shuǐ, Musik. Einige Beispiele für die Anwendung in der Medizin sollen diese Einführung abchließen:

„Die Fünf Klimate korrespondieren mit dem jahreszeitlichen Zyklus. Lässt eine Person innere Reaktionsmuster erkennen, die äußeren klimatischen Bedingungen entsprechen, dann behauptet die chinesische Medizin, dass sich eine Person in eben diesem Zustand befindet: Das Klima existiert innerlich. Kälte zum Beispiel führt dazu, dass Dinge sich zusammenziehen. Verengte Blutgefäße schnüren den Blutkreislauf ab, lassen den Körper frösteln und erzeugen ein Verlangen nach Wärme. „

[Beinflield/ Korngold: Traditionelle chinesische Medizin, dtv 2002]

„Die Chinesen sagen, dass das Element Holz die Mutter des folgenden Elements, des Feuers, ist. Nach diesem Prinzip wollen wir es ein bisschen weiter aufgliedern. Die Chinesen sagen, dass „die Leber im Element Holz die Mutter des Herzens im Element Feuer ist“. Jetzt erkennen Sie, wie wir uns mit unserer westlichen Denkweise irren. Hier haben wir eine kranke Mutter – gemeint ist die Leber – die verantwortlich dafür ist, die Lebensenergie Ch’i weiterzugeben. Erinnern Sie sich, dass ich sagte, im Kreislauf der Erzeugung erzeugt Holz Feuer. Es liegt eine Störung im Holz-Gleichgewicht vor, eine kranke Mutter, die die Lebensenergie Ch’i nicht an ihr Kind, das Herz, weitergeben kann. An Stelle des leiblichen Kindes schreit also das Element-Kind. Das heißt, dass Sie eine Menge Störungs-Signale vom Herzen empfangen: Herzschmerzen, Herzversagen, Herzrhythmusstörungen. … Nun wird dieses Bild noch etwas verzwickter; wenn es auch im Wesentlichen noch sehr einfach ist. Das Herz ist die Mutter der Milz, und die Milz ist die Mutter der Lunge. Wenn Sie also Asthma oder Brustfellentzündung bekommen, können Sie nicht atmen. Anstatt zur Lunge zu eilen, schauen wir erst nach, was mit der Mutter, der Milz, los ist. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Lebensenergie Ch’i weiterzuleiten, um Metall zu erzeugen. Wir können das nicht, nur die Natur kann das. Die Erde erzeugt Metall, nicht wir. Wenn wir also zurückgehen und die Mutter Erde, die Milz, behandeln, dann brauchen wir die Lunge nicht anzurührennd Bronchitis, Bronchialemphysem, Lungenentzündung, Rippenfellentzündung, Asthma – all diese dummen Namensschilder – alle verschwinden.“

[J.R. Worsley: Was ist Akupunktur? Plejaden, 1986]

Beispiele zu Disharmonien des Kreislaufs der gegenseitigen Erzeugung (nach Kaptchuk: The web that has no weaver. Understanding chinese medicine, 1983):

Disharmonie: Holz produziert kein Feuer.
Beschreibung: Leber- (Holz-)blut nährt das Herz (Feuer) nicht.
Symptome und Zeichen: Schwäche; Schüchternheit, Herzklopfen; schlechtes Gedächtnis; Schlaflosigkeit; dünner oder rauher Puls.
Physiologische Korrelationen: allgemeine Blutmangel-Muster

Disharmonie: Feuer produziert keine Erde.
Beschreibung: Herz (Feuer) nicht in der Lage, die Milz (Erde) zu wärmen.
Symptome und Zeichen: Kälteaversion; kalte Extremitäten; geschwollener Bauch; Durchfall; Ödeme.
Physiologische Korrelationen:Nieren-Yang nicht in der Lage, Milz-Yang zu wärmen.

Und zu guter Letzt zwei kurze Beispiele zur Akupunktur mit den Wandlungsphasen-Punkten. Die hier erwähnten Punkte Lu 9 und Lu 5 sind zwei Akupunkturpunkte auf dem Lungenmeridian, also einer Leitbahn, die dem Metall zugeordnet ist (das Verfahren entspricht dem Prinzip, welches in dem obigen Zitat von Worsley dargestellt wurde):

a) Mangelzustand:
In Fällen von Mangel (Leere) eines Meridians (Organs), den Punkt auf dem Meridian aussuchen, der der Wandlungsphase der Mutter auf dem Meridian entspricht und stärkend nadeln. z.B. Lunge ist im Mangel (Leere), dann Lu 9 (Erdpunkt) auf dem Lungenmeridian stärkend nadeln.

b) Füllezustand:
In Fällen von Fülle eines Meridians (Organs) den Punkt auf dem Meridian aussuchen, der der Wandlungsphase des Sohnes auf dem Meridian entspricht, und ableitend nadeln. z.B. Lunge ist in Fülle, dann Lu 5 (Wasserpunkt) auf dem Lungenmeridian ableitend nadeln.

[Focks/ Hillenbrand (Hrsg.): Leitfaden Chinesische Medizin, Urban und Fischer, 4. Auflage 2003]